Tagebücher

Letze Woche hatte ich mich dazu entschlossen meine alten Tagebücher wegzuwerfen. Ursprünglich wollte ich daher einen Titel wie «mit der Vergangenheit abschliessen» wählen. Da ich jedoch nach drei, vier weggeworfenen Büchern jetzt erstmal eine Pause eingelegt habe und mir noch nicht sicher bin wie ich weitermachen werde, erscheint mir das falsch.

Ich schreibe unregelmässig Tagebuch seitdem ich zehn Jahre alt bin. Bis vor Kurzem hatte ich mir noch gesagt «Das hebe ich alles auf und schreibe dann mit achtzig meine Memoiren». Jetzt nicht mehr. Woher kam der Sinneswandel? Zum einen bin ich seit einigen Monaten generell daran auszusortieren. Kleidung, Geschirr, Dokumente- und jetzt eben auch Erinnerungen. Zum anderen habe ich folgendes erkannt:

Weg damit

  • Die Beschreibungen meines Alltags sind nicht allzu literarisch wertvoll. Zusammengefasst bezieht sich die Hälfte des Inhalts auf die Schule, die Uni und die jeweiligen Klausuren, die es zu bestehen galt. Die andere Hälfte sind Zeitzeugen meiner Gefühle: an einem Tag «hasse» ich eine Person, die ich zwei Tage später wieder «liebe».
  • Mit achtzig Jahren habe ich vermutlich andere Interessen als mich damit auseinanderzusetzen was ich als Fünfzehn- oder Zwanzigjährige gedacht habe. Wozu meine Tagebücher die kommenden Jahrzehnte weiter «mitschleppen» um schlussendlich festzustellen, dass ich das Geschriebene gar nicht mehr lesen kann oder es mich schlicht und ergreifend nicht mehr interessiert?
  • Indem ich die Bücher noch einmal durchlese schliesse ich mit der Vergangenheit ab. An und für sich denke ich, dass ich das schon habe, aber unterbewusst, trage ich vielleicht ein paar Emotionen im wahrsten Sinne des Wortes weiter mit mir herum?
  • Ich möchte niemand anderem meine Tagebücher zu lesen geben, darum lohnt es sich auch nicht diese für «die Enkel» aufzubewahren.

Behalten

  • Du kannst deine Tagebücher auch noch mit achtzig wegwerfen. So lange du dich noch für sie interessierst, behalte sie. Du kannst sie einlagern und verfügen, dass sie nach deinem Ableben entsorgt werden sollen.
  • Es sind deine Beschreibungen. Zeitzeugen deines Erlebens. Zwischen den Seiten finden sich Konzertkarten, Fotos, Abschriften von SMS, (Liebes)Briefe, Zettel aus Unterrichtsstunden, Unterhaltungen mit Freundinnen und Jungs an denen du interessiert warst. Vergessene Details überraschen und amüsieren dich. Du lachst. Du trauerst. Du bist voller Verständnis für dein jüngeres Selbst. Wie bei einem Lieblingsbuch, das du in unterschiedlichen Lebensphasen neu zur Hand nimmst, fallen dir jedes Mal andere Dinge auf.

Durch die Bücher, die ich kürzlich durchgegangen bin, sind mir nochmal folgende Punkte klar geworden:

Erkenntnisse

Sorgen

Zukunftsängste kennen viele. Werde ich die Prüfung bestehen? Hält diese Beziehung? Mit solchen Fragen habe ich sehr viel Zeit verbracht und Energie verbraucht. Prinzipiell ist es ja nicht schlecht sich Gedanken zu machen, aber übertreiben solltest du es auch nicht. Heute sage ich mir «es wird schon gut werden.» Selbst, wenn du etwas nicht schaffen solltest gibt es immer einen anderen Weg. Vielleicht wird es ganz anders, oftmals aber sogar besser als du es dir vorgestellt hast. Daher: «Sorge dich nicht, es wird sich fügen.»

Gesundheit

Irgendwie hatte ich es nicht mehr so präsent wie regelmässig ich mich verletzt hatte, weil ich mit dem Knöchel umgeknickt oder vom Fahrrad gefallen war. Auch Kopf-, Ohrenschmerzen und ähnliches beschreibe ich häufiger als ich es erinnere. Daher also die zweite Erkenntnis: achte immer schön auf dich: «zieh dir etwas Warmes an» beziehungsweise «creme dich gut ein». Oder wie der Schweizer sagt: «Trag dir schön Sorge!»

Vergleiche

Oje… «XY ist aber grösser, schlanker, intelligenter, hübscher als ich!» Ja, was haben wir alle gelitten. Trotzdem: niemand hat oder hatte alles. Es gab und gibt doch immer die Dinge, die dir an dir selber am Besten gefallen. Mit dem Älterwerden immer mehr- weil du deinen Weg gehst und dich nicht mehr mit dem Physik Ass vergleichen und um 7 Uhr 50 zur ersten Stunde erscheinen musst. Denn Physik interessiert dich gar nicht und heute bist du erfolgreiches Orchestermitglied eines international bekannten Ensembles, das erst abends auftritt. Also: «Vergleiche dich nicht.»

Andere

Die Erweiterung des Vergleichens: «Aber was denkt Z bloss nur über mich?» Heute würde ich sagen «Vermutlich gar nichts. Er kratzt sich am… Kinn und spielt dann weiter auf seiner Playstation.» Ich habe festgestellt, dass ich viel zu sehr mit dem «Aussen» beschäftigt war, als mit dem, was mich persönlich interessierte und mir guttat. Kümmere dich um dich, nicht darum andere zu beeindrucken. Jeder ist so oder so grösstenteils mit sich selber beschäftigt.

Dimensionen

Mit Vierzehn ist deine Schulklasse der Kosmos indem sich alles Relevante abspielt. Wenn du nicht in derselben Linie schwimmst wie das Gros der anderen, sondern vielleicht ein bisschen anders bist, dann stellst du dich oftmals direkt infrage. In dem Moment ist dir noch nicht bewusst, dass es so viel mehr zu entdecken gibt. Du ahnst es zwar, aber wirklich fühlen kannst du es nicht, weil du bisher nichts anderes kennst. Ein Umzug zum Studium oder auch ein neuer Job bringt dich direkt mit anderen Leuten in Kontakt. Personen, die dir das Leben schwer machen musst du nie wiedersehen. Es lohnt sich in jedem Alter beruflich etwas Neues zu wagen, umzuziehen und dein Glück zu suchen. Die Welt ist gross und die Möglichkeiten unendlich.

Herz

Die Streits mit Freundinnen sind heute nicht mehr relevant. Die Menschen, die bleiben sollten sind trotzdem geblieben oder kommen wieder. Du muss nicht nachlesen um zu wissen was dir jemand bedeutet.

Dein Weg

«Ich mache es ganz anders als meine Eltern.» Eine halbwahre Erkenntnis. Vieles kannst du im Nachhinein verstehen und das, was du immer noch nicht nachvollziehen kannst machst du dann mit Sicherheit anders. Oder auch nicht. ? Das sind dann die Momente in denen du dich erschreckst und feststellst «Oje, ich rede/ verhalte mich gerade so wie meine Mutter/ mein Vater»

Bin ich traurig, dass ich mein Wissen von heute nicht schon mit vierzehn hatte?

Nein. Wie formulierte es mein Mann? «Deine bisherigen Erfahrungen haben dich zu der Frau gemacht, die du heute bist.»

Schreibe einen Kommentar